Über den Kreationsprozess
"Die Entstehung eines Bildes ist für mich wie eine Reise"
Für mich ist das Entstehen eines Bildes wie eine Reise – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn. Auf meinen vielen Reisen sammle ich Eindrücke, die später in meine Bilder einfließen. Fotografien und Skizzen dienen dabei oft als Ausgangspunkt, jedoch weniger als Vorlage, sondern vielmehr als Gedächtnisstütze. Entscheidend ist für mich nicht, das Gesehene exakt abzubilden, sondern die Emotionen einzufangen, die ich in diesen Momenten empfunden habe – sei es beim Wandern durch einen Nationalpark in Kalifornien oder beim Innehalten an einem besonderen Ort. Diese Empfindungen spiegeln sich vor allem in der Wahl meiner Farbpaletten wider, wie in den Bildern „In the Garden of Memories“, „Deep in the Woods of Mirador“ oder „What do You believe, is behind the Mountains“. Doch die Reise findet auch innerhalb des Malprozesses statt – sie ist oft eine Suche. Nicht jeder gewählte Weg führt zum Ziel, und manchmal muss ich umkehren, neu beginnen, experimentieren. Diese Erfahrung kenne ich auch aus meiner akademischen Arbeit: Theorien, die nicht weiterführten, müssen überarbeitet werden. Genau diese Verknüpfung von künstlerischer Intuition und analytischem Denken prägt meine Malerei.
Manche Bilder entstehen aus besonders intensiven Momenten. So etwa das Triptychon „Maxims Flower“ und „Summerguests“, inspiriert durch einen Theaterabend, an dem meine Tochter ein Gedicht rezitierte. Die kraftvolle Stimmung wollte ich in meinen Bildern festhalten – einen flüchtigen Augenblick in der Zeit einfrieren. Andere Motive führen mich in die Vergangenheit. Das Bild „My beloved Apple Tree“ entstand aus der Erinnerung an den Apfelbaum meiner Kindheit. Ausgelöst wurde sie während einer Rast mit meinem Sohn auf einer Streuobstwiese – die Verbindung von Gegenwart und Erinnerung floss direkt auf die Leinwand. Es gibt jedoch auch Bilder, die unmittelbare Reaktionen auf äußere Ereignisse sind. Als der Krieg in der Ukraine begann, malte ich „Colors of Freedom“ – eine kraftvolle Komposition aus Blau, Gelb und Rot auf schwarzem Grund. Ein Ausdruck von Fassungslosigkeit, Wut und Hoffnung zugleich. Bis heute weiß ich nicht, ob dieses Bild jemals wirklich „fertig“ sein wird. Meine Bilder sind daher mehr als visuelle Werke – sie sind Reisen durch Orte, Erinnerungen, Emotionen und Gedanken. Jeder Pinselstrich ist Teil dieser Bewegung, ein Versuch, das Unsichtbare sichtbar zu machen.
© 2025 Jochen Ulmer. Alle Rechte vorbehalten